Predigten zum 14. Sonntag nach Trinitatis
(seit 2001)

Predigt am 16. September 2001 in Burkhardsfelden
14. Sonntag nach Trinitatis - 50-jähriges Glockenjubiläum
Predigttext: Matthäus 5,1-10 - Die Seligpreisungen Jesu

1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.
2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Liebe Gemeinde,
Iwan also hatte eine Glocke gefunden. Und wenn diese Glocke läutete, dann geschahen wunderbare Dinge: Wer sie vernahm, dem war es, als sei er für eine Weile ein neuer Mensch. Wer Kummer hatte, vergaß seinen Kummer; wer einsam war, seine Einsamkeit. Den Kranken wurde die Krankheit leichter; die Traurigen faßten Mut. Die Armen fühlten sich reich, und die Reichen erinnerten sich der Armen und halfen ihnen. So eine Glocke war das.
Es war eine Glocke, so wie unsere älteste Glocke von 1783, von der die Inschrift sagt: "In Gottes Nahmen floss ich."

[Läuten der kleinen Glocke]

[Die ganze Inschrift im übrigen heißt: "In Gottes Nahmen floss ich * Joh(ann) Philipp Bach und dessen Sohn Peter Bach von Hungen gossen mich vor die Gemeind Burkhardsfeld * 1783]
Auch Iwans Glocke war "in Gottes Namen geflossen" und in Seinem Namen gefunden. Sie sollte an Gott erinnern und die Menschen einladen, in Seinem Namen zusammen zu kommen.
Was geschehen kann, wenn Menschen in Gottes Namen zusammenkommen, das war immer dann zu sehen, wenn die Glocke läutete. Da geschahen Wunder. Da wurden Menschen "selig", glücklich. Da wurde wahr, was Jesus in seinen Seligpreisungen versprochen hatte:
"Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Wer Kummer hat, soll wissen: dein Kummer ist bei Gott angekommen. Gott hört und tröstet. So können die Traurigen Mut fassen.
Dafür haben in den vergangenen Tagen die Glocken geläutet. In ihrer Ohnmacht und in ihrem Schmerz über das grausame Attentat in den USA war es den Menschen eine Hilfe, Glocken zu hören. Glocken zu hören und einen Ort zu finden, an dem sie zusammenkommen können. Ich hoffe, glaube und wünsche, daß Menschen in solchen Augenblicken spüren, daß sie nicht allein sind, sondern sich von Gott getragen wissen. Gott hört und tröstet. Wer ohnmächtig ist, wer leidet, wer einsam ist, wer krank ist, trägt leichter an seinem Schmerz.
Und auch das wurde wahr von den Seligpreisungen Jesu, wenn Iwans Glocke läutete:
"Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden." Gott sieht das Verlangen nach gerechtem Leben. Gott macht es möglich, daß die Armen sich reich fühlen, und die Reichen sich der Armen erinnern und ihnen helfen. Wer anderen hilft, darf sich dessen sicher sein: "Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."
Die beiden Glocken, die vor 50 Jahren -kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges- neu geholt wurden, läuten und erinnern uns vor allem an diese Worte Jesu:
"Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Und: "Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gotteskinder heißen."
Der Krieg war noch nicht lange zu Ende. Seine Spuren waren noch zu sehen. Vor allem die Wunden über die gefallenen und vermißten Väter und Söhne waren noch nicht geheilt.
Auch das ist in diesen Tagen ein Wunsch, daß sich solches, wie die Attentate in den USA, nicht wiederholt, weil die Wunden, die dadurch geschlagen werden unvorstellbar schmerzlich sind. Darum hoffe ich auch, daß der amerikanische Präsident Bush in seinem Handeln besonnen bleibt und daß kein Krieg entsteht.
Damals wie heute war und ist der Wunsch nach Frieden groß. Die neuen Glocken sollten eine neue Zeit einläuten. Auch wenn jetzt die Glocken läuten klingt dieser Wusch mit: Die Erde soll in Zukunft frei bleiben von Kriegswesen. So trägt in Erinnerung an das große Leid des zweiten Weltkrieges unsere große Glocke die Inschrift: "In schwerer Zeit unseren Gefallenen geweiht."

[Läuten der großen Glocke.]

Dazu wurde vor 50 Jahren vom damaligen Konfirmandenjahrgang ein Gedicht vorgetragen, das wir jetzt -von vier der damaligen Konfirmandinnen- noch einmal hören:

"In schwerer Zeit
den Gefallenen geweiht."
So stehen auf der großen Glocke die Worte.
Wenn sie erschallt zu Gottes Ruhm,
denkt an die Gefallenen in diesem Orte.
Gar mancher Vater, gar mancher Sohn
mußt' unverhofft sein Haus und Hof verlassen.
Weint nicht Ihr Lieben, gönnt ihnen die Ruh'.
Für Euch sind sie nicht vergessen
bis auch Ihr schließt für immer die Augen zu.
Ein Mahner und Künder für alle Zeit
soll diese Glocke stets bleiben."

Nicht vergessen, was war - daran also erinnert die große Glocke.
Die kleine Glocke, die wir nach dem Krieg bekamen, von unseren dreien ist es nun die mittelgroße, lenkt den Blick in die Zukunft, wie es auch Pfarrer Brückmann in seiner Festpredigt damals hervorhob.

[Läuten der mittleren Glocke.]

"Wir läuten die Liebe, die Hoffnung den Glauben, mag keine Macht uns den Frieden rauben." Das ist ihre Inschrift, und Pfarrer Brückmann verband damit den Wunsch, daß wir uns zu dem hinwenden und von dem uns heilen lassen, zu dem diese Glocke -mit den beiden anderen zusammen- uns ruft: Jesus Christus.
Wenn wir die Glocken hören und die Botschaft, auf die sie uns aufmerksam machen und zu der sie uns einladen, dann werden wir neue Menschen, die in guter Weise das Erdreich besitzen und die Gottes Kinder heißen.
Trotz einer inzwischen langen Friedenszeit sind wir von einer heilen Welt noch weit entfernt. Darum werden die Glocken weiter läuten. Sie werden weiter zum Gebet rufen. Das prägt Menschen, wenn sie beim Läuten der Glocken in der Mittagszeit, zum Abend, in ihrer Arbeit innehalten und ein Vater unser beten. Wenn sie sich zum Gottesdienst einladen lassen oder -wenn sie nicht können- auf das Vater unser-Läuten achten und sich durch ein stilles Mitbeten der Gottesdienstgemeinde anschließen.
Die Glocken läuten. Sie mahnen: Laßt das Wort Gottes nicht in Vergessenheit geraten. Nur so kann die Erde allen Menschen eine friedvolle Heimat sein.
Die Glocken läuten und laden ein: Kommt unter dem Wort Gottes zusammen. Wagt den Glauben. Er verändert euch. Wunderbare Dinge werden geschehen. "Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen."
Allerdings - die Welt ist noch weit entfernt davon, heil zu sein. Heimat für alle Menschen in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Und solange die Welt noch unheil ist, solange ist auch der Glaube in Gefahr:
Da sind Menschen, die versuchen ihn zu zerstören: Der Zar sagt: "Das ist keine Glocke für Bauern." Später heißt es; Religion ist Opium für das Volk; sie ist schädlich. Oder es heißt: Der Glaube ist überholt, er gehört nicht mehr in die Moderne. Da wird der Religionsunterricht in den Schulen in Frage gestellt.
Glaube ist in Gefahr, wenn Menschen versuchen, ihn zu mißbrauchen: Sie holen die Glocken und sagen: Die sind in den Rüstungsbetrieben nützlicher und wertvoller als im Glockenturm. Menschen führen Glaubenskriege, ob nun zwischen den Religionen oder sogar zwischen Evangelisch und Katholisch wie in Nord-Irland.
Gerade jetzt nach dem Terroranschlag in Amerika müssen wir allerdings aufpassen, daß nicht zusätzlich neue Feindbilder entstehen. Wenn es so ist, wie es zur Zeit vermutet wird, daß Islamisten hinter diesem Anschlag auf das World-Trade-Center und auf das Pentagon stecken, dann ist dies bestenfalls ein fanatischer Zweig des Islam, der aber nicht berechtigt, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. Der frühere Box-Weltmeister Muhammad Ali hat dazu gesagt: "Wenn die Täter wirklich Moslems waren, haben sie die Lehre des Islams vergewaltigt. Wer immer die terroristischen Anschläge gegen die USA unterstützt oder dahinter steht, repräsentiert nicht den Islam. Gott steht nicht hinter Mördern. Ich bin ein Moslem. Ich bin ein Amerikaner. Als amerikanischer Moslem möchte ich meine tiefe Trauer und meinen Kummer zum gewaltigen Verlust an Leben ausdrücken. Der Islam ist eine Religion des Friedens. Der Islam fördert nicht den Terrorismus oder das Töten von Menschen." Solchen besonnenen, gut tuenden Stimmen ist der Rücken zu stärken.
Der Glaube ist schließlich nicht nur in Gefahr durch Verfolgung von außen, sondern auch, wenn persönliche Krisen, wenn besondere Ereignisse ihn erschüttern. Dazu gehört sicher auch die Katastrophe in den USA, die viele Menschen fragen läßt, wie Gott so etwas zu lassen kann. Wenn Erlebnisse wie diese Menschen an Gott zweifeln lassen, dann empfinden sie die Glocken, die von Gott erzählen, die einladen zu Gott zu kommen, als störend und wollen sie nicht mehr hören.
Wenn der Glaube es schwer hat, ist es so, als seien die Glocken zerschlagen. Zerschlagen in tausend kleine Stücke. Was soll werden? Wie soll das Leben weitergehen? Das war auch Iwans Frage.
Da, wo unser Verstand an sein Ende kommt, sind Gottes Möglichkeiten jedoch noch lange nicht erschöpft. Das erfährt Iwan, als er sieht, daß auf dem Acker nicht tausend Scherben liegen, sondern tausend kleine Glöckchen. Gott schafft sich schon einen Weg, zu uns Menschen zu kommen. Jeder Rest an Glauben, der noch in einem Menschen ist, der noch in der Welt ist, ist wie ein kleines Glöckchen, daß einlädt, den Verheißungen Gottes zu trauen: "Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich." Gott hört nicht auf, sich um uns Mühe zu geben. Er läßt nicht ab von seinem Ziel, uns das Himmelreich aufzuschließen. Auch hier auf der Erde schon ein bißchen. Wenn darum der Glaube -wodurch auch immer- in Gefahr ist, ist es um so wichtiger, daß Menschen zusammenstehen, daß Gemeinden zusammenstehen und die Erinnerung an das Glockenläuten wachhalten. Daß sie sich von der Botschaft erzählen, die die Glocken schon seit alters her angesagt haben: Gott ist ein menschenfreundlicher Gott. In menschlicher Gestalt kam er zu uns und brachte den Himmel zur Erde. Wenn wir Gott mit Jesus Vater nennen dürfen, dann ist uns Gott in Jesus Christus ein Bruder geworden.
Dies zu wissen, dies zu glauben, gibt die Kraft, an Gott fest- zu halten und schwere Zeiten aus-zuhalten.
Darum ließ sich vor 50 Jahren sicher auch niemand zweimal bitten, sein Scherflein oder auch etwas mehr für die neuen Glocken beizutragen. Auch die eben erst hierher gekommenen Vertriebenen, die fast durchweg katholischen Glaubens waren und mit dieser Kirche fast noch nichts zu tun hatten. Ihre Gabe war der Dank dafür, daß auch dieses Versprechen Jesu wahr wurde: "Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich." Sie hatten hier einen Neuanfang machen können. Hatten bald Gastrecht in manchen Familien gefunden. Hatten als katholische Kirchengemeinde Gastrecht in unserer Kirche und sahen wieder eine Zukunft vor sich. Die Glocken hatten eine neue Zeit eingeläutet.

[Läuten aller drei Glocken]

Nachdem der damalige Dekan Schubring aus Wieseck, die beiden neuen Glocken geweiht hatte und für die katholischen Mitchristinnen und Mitchristen Pfr. Crönlein aus Lich Grüße und gute Wünsche überbracht hatte, sprach Pfarrer Frank -eben erst in Ruhestand gegangen- das Schlußwort: Gott habe der Gemeinde mit dem neuen Geläut etwas Großes gegeben. So sagte er. Aber Gott habe seinen Christengemeinden noch mehr zu geben. Wir sind überzeugt, hoffen und warten, daß Gott uns noch ein ganz großes Geschenk macht: Den neuen Himmel und die neue Erde.
Damit diese Hoffnung nicht verblaßt, damit der Glaube bleibt und damit die Liebe von unserer Hoffnung und von unserem Glauben Zeugnis gibt, läuten die Glocken. Sie laden uns ein, Gott treu zu bleiben, auf daß wir glücklich, auf daß wir selig werden.
Amen.

(Dieter Sandori, Pfarrer, Burkhardsfelden)

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Predigt am 28. August 2005 in Burkhardsfelden
14. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Markus 1,40-45 - Die Heilung eines Aussätzigen


40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.


Liebe Gemeinde,

es ist auch heute noch schwer zu entscheiden:

* Wann darf ein Mensch ungehorsam sein?

Wann darf er ungehorsam werden gegen alle Tradition, gegen alles was eigentlich Sinn macht, gegen das, was zu Recht gilt, was sich bewährt hat?

Der Aussätzige ist ein ungehorsamer Mensch.

"Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen." Dieser Aussätzige ist ungehorsam: Er überschreitet Grenzen, er verstößt gegen die Tradition, er übertritt Regeln und verletzt die Ordnung.

Er verlässt seinen ihm zugewiesenen Ort und geht zu Jesus. Das ist nicht erlaubt.

Aussätzige waren aus der Gemeinschaft verbannt. Aussatz, das war fast schlimmsten Übel, das einen Menschen damals treffen konnte. Strafe Gottes für schwerste Sünden. Aussätzige waren praktisch wie tot: für ihr Dorf, für ihre Familie, für ihre Freunde. Niemand durfte mit ihnen sprechen, niemand sie berühren. Da, wo sie standen oder saßen, mussten sie stehen und sitzen bleiben und laut rufen "Unrein. Unrein.", damit ihnen niemand aus Versehen zu nahe kam. Das also ist das erste Verbot, das der Aussätzige übertritt.

Dieses Verbot war kein willkürliches. Es hatte eine lange Tradition. Es ist ein Gebot schon von Mose her: "Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein." (3. Mose 13,45f)

Damit ist der Aussätzige auch ungehorsam gegenüber der Tradition, vor allem gegenüber der vom Glauben geprägten Tradition. Er, der von Gott schon schwer gestraft ist für schwere Sünde, lädt nun noch eine weitere Sünde auf sich.

Er übertritt eine scheinbar sinnvolle Regel, die die anderen vor einer Ansteckung bewahren will. Und er verletzt damit eine Ordnung, auf die sich Menschen bisher verlassen konnten und die ihnen Sicherheit gab.

Der Aussätzige ist ungehorsam. Er nähert sich von sich aus einem fremden Menschen, von dem er allerdings schon etwas gehört haben muss, denn als er vor ihm auf den Knien liegt, da bittet er ihn: "Willst du, so kannst du mich reinigen."

Aussätzige galten wie tot. Und ergaben sich in ihr Schicksal und taten wie vorgeschrieben. Aber dieser eine hier will nicht wie tot sein. Er will leben. Er will Menschen anfassen und will selber angefasst werden. Er ist wie tot, aber nur wie. Noch ist er nicht tot. Und da ist sogar noch ein Rest an Hoffnung, dass sein Schicksal sich wenden kann. Und da ist auch noch ein Rest an Glaube, dass sein Aussatz keine Strafe Gottes ist. Dass Gott für ihn etwas anderes will als diese Krankheit. Von dem Menschen, dem sich der Aussätzige in ungehöriger Weise nähert, kann er nichts anderes gehört haben, als dieses: ER redet mit einer besonderen Vollmacht. ER handelt mit einer besonderen Vollmacht. ER redet und handelt im Auftrag Gottes. Darum ist der Aussätzige, obwohl er Verbote übertritt, Ordnungen missachtet, Regeln bricht und die Ordnungen verletzt, darum ist der ungehorsame Aussätzige doch zutiefst demütig: Er fällt auf die Knie. Er fordert nicht. Er verlangt nicht. Er weiß, dass die Macht bei dem anderen liegt: "Wenn du willst ...". Welche Demut und zugleich: welch eine Hoffnung. Er traut sich seinen Wunsch, seine tiefste Sehnsucht, auszusprechen. Er ist demütig, er ist in seinem Innersten Gott gegenüber gehorsam. Nur deshalb kann er es wagen, gegenüber den Menschen ungehorsam zu sein, denn er erhofft sich eine Wende für sein Leben, und diese Hoffnung -davon ist der Aussätzige überzeugt- ist begründet: Der, auf den ich all meine Hoffnung setze, der kann mir auch wirklich helfen. "Wenn du willst, kannst du mich rein machen." Dann sind meine Sünden weggenommen. Dann bin ich wieder unter Menschen, in Gemeinschaft. Dann bin ich nicht mehr wie tot, sondern wieder quicklebendig. Dann bin ich ein neuer Mensch.

Und das Wunder geschieht! Es jammerte Jesus, "und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!"

Jesus stört sich nicht am Ungehorsam des Aussätzigen. ER empfindet mit ihm. ER hat eine Vorstellung davon, wie es ist, wie tot zu sein. ER sieht die ganze Not dieses Menschen und seinen Willen, leben zu wollen. Und ER sieht den Glauben dieses Mannes, der sich nicht in ein angeblich gottgewolltes Schicksal ergibt, sondern der sich in seiner ganzen Demut an den Mann Gottes wendet.

Deshalb weist ihn Jesus nicht in seine Schranken zurück. Deshalb durfte er ungehorsam sein und die ihm gesetzte Grenze von der Isolation in die Freiheit überschreiten. Deshalb durfte er ungehorsam sein gegen die alte mosaische Tradition verstoßen und um Hilfe bitten, statt "unrein, unrein" zu rufen.

Wem Unrecht geschieht, wer von Menschen ausgegrenzt wird, wer keine Liebe mehr erfährt, wessen Lebenswille unterdrückt wird, wer sich aufgrund des ihm geschehenen Unrechts wie tot fühlt, wer von Menschen nichts mehr erwarten, der darf ungehorsam sein, wenn er zugleich gehorsam gegenüber Gott ist: Wenn du willst, mach mich rein. Wenn du willst, mach mich frei. Wenn du willst, schenke mir neues Leben. Wenn du willst, mach mich rein.

So sind Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer oder auch Martin Luther ungehorsam gewesen: gegenüber einer mangelhaften Kirche, gegenüber einem todbringenden Diktator, gegenüber einer ungerechten Politik.

"Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein. Und Jesus (...) sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sonder geh, und zeige dich dem Priester, und opfere für deine Reinigung, was Mose vorgeschrieben hat, ihnen zum Zeugnis." Der Priester am Tempel stellt fest, ob jemand rein oder unrein ist, ob jemand dazu gehören darf oder ausgestoßen wird, ob jemand sein Leben in Ruhe weiterführt oder als Lebendiger wie tot zu sein hat. Was für eine Macht, was für eine Verantwortung! Jesus stellt das nicht grundsätzlich in Frage, auch nicht das Gebot des Mose. Ungehorsam kann nur die Ausnahme sein, die Regel ist der Gehorsam gegenüber geboten, Regeln, Gesetzen, Traditionen. Gäbe es nichts Verbindliches mehr, keine festen Ordnungen mehr, alles würde im Chaos enden.

Und so erinnert Jesus den ungehorsamen Aussätzigen an die alten Traditionen und Ordnungen: Du kannst zurück in dein altes Leben, nachdem du dich dem Priester gezeigt hast. Der Priester hat Autorität. Er spricht im Namen Gottes. Wenn der Priester den Aussätzigen für rein erklärt, ist er wieder Teil der Gesellschaft, ist wieder Sohn seiner Eltern, Mann seiner Frau, Vater seiner Kinder, Nachbar, Mitglied der Dorfgemeinschaft, Fischer oder Zimmermann, was auch immer.

Und doch ist nicht alles wie früher. Etwas ganz Entscheidendes ist jetzt anders. Der Himmel hat die Erde berührt. Dieser Mensch ist Gott begegnet. In dem, der ihn gesund gemacht hat. Ja mehr noch, der ihn eigentlich vom Tod auferweckt hat.

Und jetzt ist der Aussätzige noch einmal ungehorsam: Er hält sich nicht an das Schweigegebot, das ihm Jesus auferlegt hat."Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen ...".

Darf dieser Ungehorsam gutgeheißen werden?

Zumindest hat Jesus Seine Heilung nicht mehr rückgängig gemacht. Sein Anliegen könnte gewesen sein: Jesus will nicht in die Rolle des Wunderdoktors gedrängt werden, will nicht auf die Rolle des Wunderheilers reduziert werden. Es soll nicht heißen: Geht nur zu Jesus, der hilft euch schon. So einfach war es ja nicht: Ein starker Glaube, eine tiefe Demut und eine große Hoffnung, hatte Jesus gesehen: "Willst du, so kannst du mich rein machen." Nicht im Wollen des Aussätzigen, sondern im Wollen Jesu liegt die Macht.

Aber die Gefahr ist groß, dass der Aussätzige vor lauter Freude immer nur erzählt: Ich brauchte gar nicht viel Worte zu machen, nur einen Satz zu sagen, und Jesus hat mir geholfen. Und die ihn reden hören, meinen nun das reicht aus, zu sagen: Jesus, ich will ... , also mach du ..."

Diese Gefahr, die Jesus gesehen hat, war nicht unbegründet, denn es geschah nun, "dass Jesus hinfort nicht mehr in eine Stadt gehen konnte, sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden." Jesus will also nicht nur einer sein, auf den sich die Menschen stürzen, den sie sehen und anfassen wollen, der ihnen dann schnell noch etwas Gutes tun soll und die dann wieder weggehen. Jesus will mehr sein, und ER ist auch mehr. ER ist der Sohn Gottes, der mit dem Anspruch auftritt, dass das Reich Gottes nahe herbei gekommen ist, und dass sich das Reich Gottes überall dort ereignet, wo Menschen einander in Liebe begegnen. Wo Menschen nicht weggeschoben, sondern angenommen werden. Wo gerechte Politik gemacht wird. Wo die Würde der Menschen geachtet wird. Wo die Demut Gott gegenüber sie frei macht für den Mitmenschen, wo Menschen glauben, hoffen und lieben.

Jesus hat dem Aussätzigen geboten, nicht von diesem Wunder zu erzählen. Der war ungehorsam und hat es dennoch getan. Wahrscheinlich hat ihm Jesus aber auch diesen Ungehorsam verziehen. Denn auch das ist wahr: Glaube entsteht und wächst nur da, wo von Gott erzählt wird. Der geheilte Aussätzige will die Nähe Gottes, die er in Jesus Christus erlebt hat, die Liebe und Zuwendung Gottes, die er gespürt hat, nicht als Privateigentum betrachten. Er will sie teilen mit anderen. Darum fing er an, "viel davon zu reden ...". Der Ausgestoßene wird zum Verkündiger: In der Begegnung mit Jesus leuchtet für der Himmel auf. Sucht diesen Jesus, nähert euch IHM. ER macht euer Leben neu.

Manchmal ist er unumgänglich, der Ungehorsam: Wenn er -neu- in den Gehorsam gegenüber Gott führt und so dem Leben dient. Wenn er aufmerksam macht auf die Macht des Heilandes. Und einlädt in Seine Nachfolge.

Amen.


Dieter Sandori, Pfarrer, Burkhardsfelden


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Predigt am 9. September 2007 in Burkhardsfelden
14. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: 1. Mose 28,10-19a - Jakob schaut die Himmelsleiter


10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel; d. h. Haus Gottes.


Liebe Gemeinde,

Aus der Traum. Mit diesem Eingeständnis ist große Enttäuschung verbunden. Aus der Traum von einer Medaille, aus der Traum von einem Titel. Für einen der beiden Bürgermeisterkandidaten wird es das heute Abend auch heißen: Aus der Traum. Für wen das gilt, bei dem sitzt die Enttäuschung tief, weil ein Ziel auch gern erreicht worden wäre.

Aus der Traum. Das galt auch für Jakob. Er wollte etwas besonderes erreichen, er hat es auch erreicht, aber der Preis, den er dafür bezahlen musste, war hoch. Sehr hoch. Jetzt ist er auf der Flucht. Er hat sein Schicksal selbst verschuldet. Er hat es sich selbst zuzuschreiben, dass er seine Familie und seine Heimat verlassen muss. Dass er fliehen muss.

Denn er hat seinen Vater und seinen Bruder betrogen. Es ging um den Segen des Vaters. Den Segen, der ihm das Lebensglück bringen sollte: Wohlstand und Kinder, Land, Ansehen und Macht. Den Segen, der ihn zum Herrn über die ganze Sippe machen sollte. Der Segen, der traditionell dem ältesten Bruder zustand. Jakob hatte nur einen Bruder: Esau. Einen Zwillingsbruder. Nur wenige Minuten älter, aber eben älter. Den wollte der Vater segnen. Ihm stand der Segen zu. Aber Jakob hatte den blinden Vater getäuscht, sich als Esau ausgegeben und den Vater dazu gebracht zu sagen: Meinen Segen hast du. Jakobs Traum war in Erfüllung gegangen. Die Rechte des Erstgeborenen zu haben.

Doch seine Freude dauerte nur kurz. Dann war er schon aus -der Traum. Sein Bruder Esau drohte ihn umzubringen. Denn der Segen des Vaters konnte nur einmal vergeben werden, und da war auch nichts mehr rückgängig zu machen.

Nun flieht Jakob in eine weit entfernte Stadt zu Verwandten, die er nicht kennt. Rund 700 km liegen vor ihm: allein, zu Fuß, auf gefährlichen Wegen in eine unbekannte Zukunft. War es das wert?

"Du bist selbst schuld! Unrecht Gut gedeiht nicht! Das ist die Quittung für deinen Betrug." Solche Sätze mögen Jakob bei seiner Flucht durch den Kopf gegangen sein.

Die Geschichte jenes Jakob wiederholt sich in jeder Generation und in jedem Land, wenngleich sich selten eine Flucht über 700 km anschließt.

* Der eine muss seine Ehefrau verlassen, die nicht mehr mit ihm zusammen sein will, nachdem er sie betrogen hat. Er fragt sich längst: War es das wert? Habe ich das so gewollt?

* Eine andere flüchtet sich in immer neue Lügengebäude, um eine erste Lüge zu verbergen: Nein ich trinke nicht! Und dann sind immer neue Erklärungen zu finden, wo das Geld hingeht, warum es oft so unaufgeräumt ist und was man noch alle beobachten kann. Sie fliehen vor anderen und manchmal auch vor sich selbst.

"Ich habe mein Leben nicht mehr Griff. Ich bin in eine Krise geraten -und habe sie auch noch selbst verschuldet hat. Aus der Traum von einem angenehmen, glücklichen, zufriedenen Leben.

Aus der Traum. Gibt es noch einen Weg zurück in die Zeit vor der Enttäuschung? In die Zeit vor der Krise?

Vielleicht, wenn nur ich über mich selber enttäuscht war, wenn ich andere nicht in Mitleidenschaft gezogen habe. Aber sobald auch andere über mich und von mir enttäuscht waren, wenn ich anderen geschadet habe, gibt es kein Zurück. Nichts kann mehr sein wie vorher.

Wird man darum aber immer vor anderen und vor sich selber weglaufen müssen?

Jakob "kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, (...) und legte sich an der Stätte schlafen." Da öffnet sich ihm im Schlaf plötzlich der Himmel und bald kann er anfangen, einen neuen Traum zu träumen. "Ihm träumte, (...) eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der Herr stand oben darauf." Gott stellt sich ihm vor als der Gott seiner Väter, verspricht ihm Land und Nachkommenschaft und schließlich: "Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land ..."

Hier sind zwei wunderbare Dinge passiert, zwei wunderbare Dinge, die bis heute passieren können. Aber es bleibt auch eine Frage.

Das erste Wunder, mit dem nicht zu rechnen war, ist das: Gott erscheint gerade dort, wo man ihn überhaupt nicht erwartet.

Das zweite Wunder, mit dem nicht zu rechnen war, ist dies: Gott verlässt auch einen Unwürdigen nicht.

Die Frage, die sich stellt, ist schließlich: Dürfen wir alles, was wir können? Dürfen wir alles, was wir wollen, wenn Gott auch zu den Betrügern, den Hinterlistigen, den Verrätern, wenn Gott auch zu den Schuldigen hält?

Das ist wirklich eine schwierige Frage, und sie lässt sich wohl nur durch Gegenfragen beantworten:

* Wollen wir, dass ein Mensch, wollen wir, dass wir selber, im Fall der Fälle, auf eine Versagen, auf einen Fehler, auf eine Schuld ein Leben lang festgenagelt bleiben?

* Worauf soll ein Mensch hoffen können, wenn er irgendwie wieder gutmachen will, was er angerichtet hat? Worauf wollen wir hoffen können, wenn wir irgendwie wieder gutmachen wollen, was wir angerichtet haben?

* Soll, wenn Unbehagen, Gewissensbisse, Schuldgefühle, Reue sich melden, nicht mehr neu geträumt werden dürfen von einem heilen, angenehmen, glücklichen, zufriedenen Leben?

Gott beantwortet all diese Fragen durch sein außergewöhnliches Handeln: "Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!" Diese Erkenntnis und Wahrheit gilt auf ewig: Es gibt in unserer Welt keine Gott-verlassenen Gegenden. Gott ist überall, und darum sind und bleiben alle Menschen unter seinem Einfluss. Darum ist kein Mensch -zumindest nicht von Gott- auf ewig abgeschrieben. Jeder Mensch kann -in welcher Lage er sich auch befindet-auf Gott hoffen, auf Gott rechnen.

Diese Begegnung mit Gott ist nicht nur angenehm, noch nicht einmal wenn Gott, wie hier dem Jakob, Versprechungen macht. Jakob jedenfalls fürchtet sich. Im Nachhinein wird ihm bewusst: Wir können vor Gott nichts verbergen. Ihn können wir nicht täuschen, betrügen, hintergehen. Nichts bleibt ihm verborgen.

Diese Einsicht verändert Jakob: Und er "nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel (das heißt Haus Gottes)." Von jetzt an weiß sich Jakob diesem Gott, seinem Gott, verbunden und verpflichtet.

Wie tröstlich für alle bis heute, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen! Gott kann auch einem Betrüger eine segensreiche Zukunft eröffnen. Gottes Gnade steht ihm offen. Nicht nur Jakob verspricht Gott, sondern allen Menschen: "Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst. (...) Ich will dich nicht verlassen."

Gott lässt Jakob einen neuen Traum träumen. Es ist ein anderer Traum jetzt als der erste, weil Gott in diesem neuen Traum vorkommt. Jakob weiß nun: Es gibt vor Gott einen neuen Anfang und ganz gleich wohin ich kommen werden: Gott ist da, Gott ist bei mir.

Da, wo wir sagen: "Aus der Traum!" ist nicht alles hoffnungslos zerbrochen. Auch, wenn wir uns eingestehen müssen, dass es falsche, unredliche Träume waren, die ausgeträumt sind, weil sie auf Kosten oder zu Lasten anderer geträumt wurden, bleiben wir nicht auf unsere Schuld festgelegt. Gott lässt uns neue Träume träumen, in denen er selbst vorkommt. Träume, die uns verändern.

Jakob, der sein neues Leben nun vor Gott verantwortet kann nicht wieder nach Hause zurück. Jedenfalls nicht gleich. 20 Jahre etw wird er in der Fremde bleiben. Dann aber kommt es zur Aussöhnung mit seinem Bruder Esau. Doch auch das lässt nicht alles wieder so werden, wie es vorher war. Die alten Verletzungen sind zwar vernarbt, aber sie sind nicht weg. Trotzdem wird der eine Bruder nicht mehr länger neidisch auf den anderen sein, und der andere braucht dem einen gegenüber nicht mehr misstrauisch sein. Die Beziehung zueinander wird neu werden.

Das können wir hoffen: Wenn Gott eine Schuld vergibt, ist zwar Entscheidendes geschehen. Aber es wird nicht alles wieder so sein wie vorher, selbst dann nicht, wenn es zur Aussöhnung kommt. Doch das Vertrauen in Gottes Gegenwart lässt von einer guten Zukunft träumen.

Der Stein, den Jakob aufgerichtet hat, an dem Ort, an dem ihm Gott begegnet ist, bleibt über die Zeiten hinweg ein Zeichen der Erinnerung:

* Gott ist überall, auch an unwirtlichen Orten.

* Es gibt keine gottverlassenen Orte, und es gibt keine gottverlassenen Menschen.

* Jeder Mensch, kann jederzeit mit Gottes Gegenwart rechnen, die ihn verändern, auf jeden Fall prägen wird.

* Wer Gott sein Leben anvertraut, dem gilt die Zusage, die schon Jakob hörte: "Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst. (...) Ich will dich nicht verlassen."

Auch nach diesem besonderen Traum ist Jakob ist niemand anderer als wir. Ein glaubender Mensch, nicht ideal, nicht perfekt fromm. Ein Mensch, vom Leben und den eigenen Fehlern gebeutelt, aber doch von Gott gesegnet. Seine Geschichte zu kennen, ist ein Segen - auch für uns.

Falls es uns nicht gelingt, die Leiter zum Himmel zu träumen, hilft uns ein Blick auf Jesus: "Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn." hat ER einmal gesagt (Johannes 1,51). Durch Jesus Christus sind Himmel und Erde miteinander verbunden. An die unwirtlichsten Orte hat ER den offenen Himmel gebracht: Vom Stall bis zum Galgen gibt es keinen gottverlassenen Ort mehr, sondern überall lebt die Zusage Gottes: "Ich bin mit dir. Ich will dich nicht verlassen."

Diese Zusage ist wie ein Licht in der Nacht. Diese Zusage ist uns der Beginn neuer Träume. Gott bringt unser Leben auf einen guten Weg.

Amen.


Dieter Sandori, Pfarrer, Burkhardsfelden


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Predigt am 25. September 2011 in Burkhardsfelden
14. Sonntag nach Trinitatis - 25-jähriges Ordinationsjubiläum Pfarrer Dieter Sandori

Predigttext: Markus 1,40-45 - Die Heilung des Aussätzigen



40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.



Liebe Gemeinde,

wir haben etwas zu feiern heute. Und das ist nicht wenig. Das ist so gar gewaltig. Denn nicht erst seit 25 Jahren feiern wir Gottesdienst. Und so feiern wir auch heute, was wir an jedem Sonntag feiern: Gottes Dienst an uns, der vom Himmel her die Erde berührt. Und dieser Dienst Gottes an uns könnte die Weite der Welt revolutionieren, ließen wir uns eines nicht einreden: Dass der Glaube eine Privatsache sei.

Anlässlich des Papstbesuches und seiner Rede vor dem Bundestag veröffentlichte die Giessener Allgemeine Zeitung, wie sich -im Blick auf ihren Glauben- der deutsche Bundestag zusammensetzt: Er hat 622 Abgeordnete, 185 -30%- sind katholisch, 177 -fast eben so viel- sind evangelisch. 3 gehören dem muslimischen Glauben an, 28 sind konfessionslos. 2 sagen von sich, dass sie Atheisten sind. Es bleiben jetzt noch 227 Abgeordnete übrig, ein gutes Drittel: sie erklären ihre Religionszugehörigkeit zur Privatsache, über die sie keine Auskunft erteilen.

Was wäre geworden, wenn der Aussätzige für sich behalten hätte, und keine Auskunft erteilt hätte darüber, was ihm passiert ist? Und was wäre wohl möglich, wenn der Glaube öffentlicher würde und Menschen genau das tun, was der Aussätzige getan hat: "Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen."

Was passiert, wenn der Glaube nicht Privatsache bleibt, sondern bekannt gemacht und gelebt wird, davon kann man eine Ahnung bekommen: Als der Aussätzige auf Jesus trifft, da passiert mehr, als dass er gesund wird.

"Und es kam zu ihm ein Aussätziger …" Schon diese einfache Feststellung ist einfach unglaublich. Die Krankheit des Aussätzigen, seine Lepra, war damals unheilbar. Menschlich gesehen war der Mann darum ein hoffnungsloser Fall. Zugleich galt er als unrein und musste abgesondert von seinen Mitmenschen in sozialer Isolation leben. Er war aus der Gemeinschaft ausgegrenzt. Diese Demütigung des Aussätzigen wurde nun aber noch dadurch gesteigert, dass er selber durch den Ruf "Unrein! Unrein!" die Gesunden von sich fern halten musste. Lepra ist heute heilbar. Diese Krankheit treibt niemand mehr in die Isolation.

Es sind andere Krankheiten, die heute Menschen ausgrenzen, wirkliche Krankheiten, aber auch solche, die keine sind: AIDS-Kranke und Suchtkranke, psychisch Kranke und Menschen mit Behinderungen. Sie sollen möglichst unter sich bleiben, da könne man ihnen am besten helfen, heißt es. Diese Haltung also ist von damals geblieben: Hauptsache, sie kommen mir nicht zu nah und stören mich nicht, zum Beispiel an meinem Urlaubsort.

Dann ist in dieser Woche durch den Rücktritt von Ralf Rangnick als Trainer von Schalke 04 wieder in den Blickpunkt gerückt die Einsamkeit, in die Menschen geraten, wenn sie den hohen Erwartungen und Anforderungen, die an sie gestellt sind, nicht mehr gerecht werden. Dann geht ihnen erst die Freude und dann das Leben immer mehr verloren -in dem Maß wie die Depression zunimmt.

Nicht weniger einsam und ausgrenzt fühlen sich die, die am Existenzminimum leben und die, die für ihre Arbeit nicht ordentlich entlohnt werden. Die, die man wegrationalisiert und die, denen man sagt, sie seien zu alt, um noch vermittelt zu werden. Deren Schicksal trifft die ganze Familie. Auch wenn ihre Kinder nicht "Unrein, unrein" zu rufen haben, halten sich andere fern von denen, die doch bloß Klamotten vom ALDI tragen.

"Und es kam zu ihm ein Aussätziger …" Das ist nicht einfach nur eine Feststellung, eine Beobachtung. Das ist die Sehnsucht des Aussätzigen nach Leben. Das ist die Sehnsucht, aus seiner Isolation, aus seiner Einsamkeit befreit zu werden. Und "der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen."

"Willst du, so kannst du mich reinigen." Das ist seine Sehnsucht: Ihre Sehnsucht könnten Menschen heute so ausdrücken: "Ich möchte in meiner Krankheit nicht allein sein, ich möchte nicht, dass Menschen Angst haben müssen, mich anzufassen. - Wollt ihr, so könnt ihr mich besuchen." Oder: "Ich will nicht vom sozialen und kulturellen Leben ausgeschlossen sein, von den Klassenfahrten, vom Kino, vom Schwimmbad. Wollt ihr, so könnt ihr mir einen gerechten Lohn geben, wenigstens einen Mindestlohn."

Menschen, ausgegrenzt vom Leben, sehnen sich genau nach dem Leben, das sie aus der Ferne bei anderen beobachten. Mittendrin wollen sie sein - statt nur dabei.

Ist solche Sehnsucht vermessen?

Damals hat man gesagt: Aussatz ist Strafe Gottes für sündhaftes Verhalten. Ich kann sagen: AIDS ist die Folge eines unmoralischen Lebenswandels. Ich kann sagen: Sucht ist die Folge einer Willensschwäche. Oder: Arbeitslosigkeit die Folge von zu wenig Kompetenz. Ich kann alle für ihr Schicksal selber verantwortlich machen. Und die Welt bleibt wie sie ist.

Ist die Sehnsucht der vom Leben Ausgegrenzten nach Leben vermessen?

"Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen." Dem Aussätzigen ist es völlig gleichgültig: Sünde, alles meine eigene Schuld, Strafe Gottes - er hält sich nicht mehr an das, was von ihm erwartet wird, nämlich dass er eigentlich auf Distanz zu bleiben hat. Vielmehr ergreift er seine Chance, als er hört, dass Jesus in der Nähe ist. Er lässt sich nicht abhalten zu Jesus zu kommen. Er ist mutig und entschlossen. Oder doch nur unverschämt?

"Und es jammerte ihn und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein." Jesus wendet sich dem kranken Menschen zu: "Ja, es ist in Ordnung, dass sich ein Mensch nach heilem, guten Leben sehnt -ganz gleich, was ihn in seine unheile Lage hinein gebracht hat."

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. (...) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, (...) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. (...) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." Das alles steht zu Recht in unserem Grundgesetz. Der Aussätzige lässt sich seine Religionsausübung nicht verbieten: Er hat den unbedingten Willen zu Jesus zu kommen. Von IHM erwartet er alles, von der Liebe des Gottes, in dessen Dienst Jesus steht. Jesus, davon ist der Aussätzige überzeugt, hat alle Kraft und Vollmacht, sein Leben auf einen guten Weg zu bringen. Er entscheidet sich für Jesus Christus und wird nicht enttäuscht.

Jesus "streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!" Jesus hat keine Berührungsängste. ER sieht nicht weg, wo es schwierig wird. ER geht nicht auf Distanz, wo einer leidet und isoliert ist. Es jammert IHN, als ER das Leid des Mannes sieht. Da kann sich ein Mensch nicht entfalten, ist am Leben gehindert. Da braucht ein Mensch seine körperliche Unversehrtheit, um in die Gemeinschaft und ins Leben zurück zu kommen. Und so überbrückt Jesus die Distanz zwischen beiden und geht auf den aussätzigen Mann zu.

Ein Wunder in mehrfacher Hinsicht:

* medizinisch, weil er gesund wird;

* sozial, weil er die Isolation durchbricht;

* und theologisch, weil ein Gott sichtbar wird, der sich nicht zu schade ist, die Menschen in ihrem Leid aufzusuchen und ihnen zu helfen; ein Gott, der uns nahe ist, der keine Angst hat, auch wenn wir ganz unten sind.

Und selbst wenn wir unser Leid, unser ausgegrenzt Sein selber verschuldet hätten, selber verschuldet haben -diesen Gott, unseren Gott, würde es nicht hindern, sich uns zuzuwenden. "Ich bin mit dir." lässt er Jakob wissen, der seinen Bruder betrogen hatte und einsam auf der Flucht vor ihm war.

Für den Aussätzigen stellt Jesus die soziale Beziehungsfähigkeit wieder her und bringt den Menschen mit Gott, mit sich und mit anderen Menschen ins Reine. Es geschieht Gottesbegegnung, und es wächst Vertrauen, dass Gott sich am Ende aller erbarmt.

Wenn wir diesen Gott nun nicht unsere Privatsache sein ließen -wie könnte sich da unsere Gesellschaft verändern? Wenn 227 Abgeordnete, die über ihren Glauben nichts sagen wollen, doch zusammen mit den anderen 362 evangelischen und katholischen Parlamentariern und den 28 zwar konfessionslosen, aber offensichtlich glaubenden Politikern über ihren Glauben ins Gespräch kämen, dann würde es womöglich 617 Mandatsträger jammern angesichts unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der sich so viele Menschen nach Leben sehnen. Dann würden die Diskussionen über Mindestlohn und Steuergerechtigkeit, über Gesundheitsreform und Bildung plötzlich ganz anders geführt werden.

Wie könnte unsere Gesellschaft werden, wenn Menschen in ihrer Sehnsucht nach Leben so mutig auf Jesus zugehen, wie es der Aussätzige gemacht hat? Wenn sie davon erzählen, dass es zum Menschenbild Jesu gehört, die Würde des Menschen zu schätzen und zu schützen und ausgegrenztes Leben wieder in Beziehungen zu bringen?

Das Schweigegebot gilt heute nicht mehr: "Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst." Der Aussätzige hätte nichts zu sagen gebraucht. Er hätte sich nur den Priestern zu zeigen brauchen. Die hätten sich zwar über seine Reinheit gewundert, ihn aber dann wieder mitten hinein geschickt ins Leben.

"Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst." Jesus sah wohl noch die Gefahr, lediglich als Wunderheiler angesehen zu werden und nicht auch als ein mitleidender Gott. Sein eigentliches Wesen würde sich erst am Kreuz zeigen: Als Sohn Gottes, den das Leid nicht nur jammert, sondern der in allem Leid, selbst im Tod gegenwärtig ist. Der Wundertäter und der Leidende - beide gehören zusammen. Der Heilende und der Gekreuzigte - beide sollen verkündigt werden. Erst dann ist die ganze Wahrheit über Jesus gesagt.

Als Monate später diese Wahrheit offenbar ist, bleibt es immer noch dabei: "Sie kamen zu ihm von allen Enden." Nur anders jetzt. Der geheilte Aussätzige war im Nachhinein der erste, der Jesu Auftrag gelebt hatte: Ihr werdet meine Zeugen sein. Zeuge dafür, dass Jesus die Welt und die Menschen verändert. Der Himmel hat die Erde berührt und das Reich Gottes nimmt seinen Lauf. Der geheilte Aussätzige hat es erlebt. Andere auch und kamen von allen Enden in die Nachfolge Jesu. Wenn der Glaube nicht Privatsache bleibt, wird das Reich Gottes weiter wachsen - auch "mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit."

Wo immer Menschen am Schicksal anderer Anteil haben, wo Menschen sich die Hand reichen, wo sie einander berühren und Grenzen aufheben, berührt der Himmel die Erde, geschieht Gottes Dienst an uns, damit seine Liebe grenzenlos heiles Leben schafft und wir und alle Grund haben, Gottes Dienst zu feiern.

Amen.


Dieter Sandori, Pfarrer, Burkhardsfelden und Lindenstruth